Religiöser Antizionismus
Wie heißt du? Wir haben uns in diesem Semester intensiv mit dem Zionismus befasst - und hier hauptsächlich Perspektiven und Denkweisen des religiösen Zionismus beleuchtet. Dies, weil wir eine auch eine betont zionistische Schule sind. Allerdings ist es wichtig für unser Allgemeinwissen auch jene Gruppe im Judentum kennenzulernen, die dem Zionismus kritisch oder sogar feindlich gesinnt gegenüber steht. Und vor allem die Beweggründe dafür nachzuvollziehen. Das wollen wir uns nun vornehmen. Vorsicht vor Verallgemeinerung! Wir sind gut beraten, ohne Vorurteile in dieses heikle Thema zu gehen. Verallgemeinerungen und Vorurteile sind unangebracht. Außerdem sind wir als Jehudim dazu angehalten, jeden einzelnen Juden zu lieben - "WeAhawta LeRe-acha Kamocha!" - und das gilt unabhängig von Zeit, Ort und Person und deren Gesinnung oder Ausrichtung politischer, religiöser oder gesellschaftlicher Natur. Denken wir auch daran, dass erst Streit und Bruderhass bzw. Geringschätzung des Nächsten verantwortlich für unser aktuelles Exil sind und wohl auch dafür, dass die Erlösung immer noch nicht eingetreten ist!Auch wollen wir vorwegschicken, dass man die Ausrichtung einer Person nicht an deren Äußerem ermessen kann. Das gilt natürlich allgemein, aber auch speziell in unserem Fall. Nicht jeder chassidische Jude ist auch ein Antizionist. Hier sind zwei berühmte Rabbiner angeführt, denen man vielleicht äußerlich nicht ansehen würden, dass sie große Verfechter der zionistischen Idee waren: Raw Awraham Jizchak Kook Raw Jissacher Schlomo Teichtal Chassidut Satmar Wir werden uns hier mit einer wichtigen Gruppe innerhalb religiöser Antizionisten befassen, nämlich den Anhängern der Chassidut Satmar, also den "Satmarer Chassidim".Die Bewegung wurde vom zweiten Sohn des "Admor" (chassidischer Führer, Leiter) von Sziget (eigentlich auf Deutsch: Marmaroschsiget, Rumänien), Raw Joel Teitelbaum, gegründet. Er verließ 1905 Sziget und zog nach Satu Mare (auf Jiddisch: Satmar), wo er sich niederließ. Raw Joel Teitelbaum Nach der Schoa, der er entkam, zog er nach New York, wo er die Bewegung wieder aufbaute. Bis heute hat die Chassidut Satmar ihren Hauptsitz in New York, in Williamsburg und in Kiryas Joel. Natürlich aber leben Anhänger auf der ganzen Welt. Das Hauptwerk Raw Teitelbaums Raw Joel Teitelbaum verfasste nach der Schoa und der Gründung des Staates Israel, im Jahre 1961 sein "Magnum Opus". In diesem nahm er zu zentralen, aktuellen Fragen rund um den Staat Israel und die Positionierung (seiner Meinung nach) des weltweiten Judentums diesem gegenüber, Stellung. Es heißt: "WaJoel Mosche". Die These ist, dass Judentum mit Zionismus nicht in Einklang gebracht werden kann.Das Buch gliedert sich in drei Teile:1.) Ma-amar Schalosch Schewu-ot2.) Ma-amar Jischuw Erez Israel (Abhandlung darüber, ob es eine Mizwa ist, das Land Israel zu besiedeln)3.) Ma-amar Laschon HaKodesch (Abhandlung über Gebrauch von Modern-Hebräisch) Der Abschnitt zu den "Schalosch Schewu-ot" Der erste Abschnitt im Buch von Rabbiner Teitelbaum behandelt das Thema der sogenannten Drei Schwüre. Wir wollen uns diesen grob inhaltlich hier genauer ansehen.Die erwähnten "Drei Schwüre" werden in der Gmara, dem Babylonischen Talmud, auf Folio 111a erwähnt. Wie es im Talmud üblich ist, wird das dort Diskutierte oder Erwähnte auf eine Stelle im TaNa"Ch zurückgeführt. In unserem Fall sind dies drei Pssukim im Sefer (oder: der Megillat) Schir HaSchirim.1.) Perek 2, Passuk 7:הִשְׁבַּ֨עְתִּי אֶתְכֶ֜ם בְּנ֤וֹת יְרוּשָׁלִַ֙ם֙ בִּצְבָא֔וֹת א֖וֹ בְּאַיְל֣וֹת הַשָּׂדֶ֑ה אִם־תָּעִ֧ירוּ ׀ וְֽאִם־תְּעֽוֹרְר֛וּ אֶת־הָאַהֲבָ֖ה עַ֥ד שֶׁתֶּחְפָּֽץ׃ Ich beschwöre euch, Töchter Jeruschalajims, bei den Gazellen oder Hindinnen (Hirschkühen) der Flur, dass ihr nicht wecket noch aufreget die Liebe bis sie begehrt.2.) Perek 3, Passuk 5:הִשְׁבַּ֨עְתִּי אֶתְכֶ֜ם בְּנ֤וֹת יְרוּשָׁלִַ֙ם֙ בִּצְבָא֔וֹת א֖וֹ בְּאַיְל֣וֹת הַשָּׂדֶ֑ה אִם־תָּעִ֧ירוּ ׀ וְֽאִם־תְּעֽוֹרְר֛וּ אֶת־הָאַהֲבָ֖ה עַ֥ד שֶׁתֶּחְפָּֽץ׃ Ich beschwöre euch, Töchter Jeruschalajims, bei den Gazellen oder Hindinnen (Hirschkühen) der Flur, dass ihr nicht wecket noch aufreget die Liebe bis sie begehrt.3.) Perek 8, Passuk 4:הִשְׁבַּ֥עְתִּי אֶתְכֶ֖ם בְּנ֣וֹת יְרוּשָׁלִָ֑ם מַה־תָּעִ֧ירוּ ׀ וּֽמַה־תְּעֹֽרְר֛וּ אֶת־הָאַהֲבָ֖ה עַ֥ד שֶׁתֶּחְפָּֽץ׃ Ich beschwöre euch, Töchter Jeruschalajims, wozu wollet ihr wecken, wozu aufregen die Liebe, ehe sie begehrt? Schlomo HaMelech schreibt hier also etwas nicht gleich Verständliches, dass wir gewarnt sein sollen - oder besser gesagt die "Töchter Jeruschalajims gewarnt sein sollen - die Liebe nur ja nicht zu aufzuwecken, bevor diese das nicht möchte. Wie viele Stellen in "Schir HaSchirim" verlangt auch diese eine Klärung für uns.Die Gmara (der Talmud) erklärt die Bedeutung dieser Pssukim im Rahmen einer Erzählung: ר׳ זֵירָא הֲוָה קמשתמיט מִינֵיהּ דְּרַב יְהוּדָה דְּבָעָא לְמֵיסַק לְאֶרֶץ יִשְׂרָאֵל דְּאָמַר רַב יְהוּדָה כָּל הָעוֹלֶה מִבָּבֶל לְאֶרֶץ יִשְׂרָאֵל עוֹבֵר בַּעֲשֵׂה שֶׁנֶּאֱמַר בָּבֶלָה יוּבָאוּ וְשָׁמָּה יִהְיוּ עַד יוֹם פָּקְדִי אוֹתָם נְאֻם ה׳ וְרַבִּי זֵירָא הַהוּא בִּכְלֵי שָׁרֵת כְּתִיב וְרַב יְהוּדָה כְּתִיב קְרָא אַחֲרִינָא הִשְׁבַּעִִתִּי אֶתְכֶם בְּנוֹת יְרוּשָׁלַיִם בִּצְבָאוֹת אוֹ בְּאַיְלוֹת הַשָֹּׂדֶה וְגוֹ׳ וְרַבִּי זֵירָא הַהוּא שֶׁלֹּא יַעֲלוּ יִשְׂרָאֵל בַּחוֹמָה וְרַב יְהוּדָה הִשְׁבַּעְתִּי אַחֲרִינָא כְּתִיב וְרַבִּי זֵירָא הַהוּא מִיבָּעֵי לֵיהּ לְכִדְרִבִּי יוֹסֵי בְּרַבִּי חֲנִינָא דַּאֲמַר גׁ׳ שְׁבוּעוֹת הַלָּלוּ לְמָה אַחַת שֶׁלֹּא יַעֲלוּ יִשְׂרָאֵל בַּחוֹמָה וְאַחַת שֶׁהִשְׁבִּיעַ הַקָּדוֹשׁ בָּרוּךְ הוּא אֶת יִשְׂרָאֵל שֶׁלֹּא יִמְרְדוּ בְּאוּמוֹת הָעוֹלָם וְאַחַת שֶׁהִשְׁבִּיעַ הַקָּדוֹשׁ בָּרוּךְ הוּא אָת הָעוֹבְדֵי כּוֹכָבִים שֶׁלֹּא יִשְׁתַּעְבְּדוּ בָּהֶן בְּיִשְׂרָאֵל יוֹתֵר מִדַּאי Und hier die Übersetzung auf Deutsch Die Gmara erklärt also, dass diese drei Pssukim Schwüre sind, die dem Jüdischen Volk verbieten würden:1.) Das Jüdische Volk dürfe nicht "wie eine Mauer" (also: geschlossen, mit Stärke) nach Israel ziehen.2.) Das Jüdische Volk dürfe sich nicht gegen die Völker der Welt auflehnen.3.) Die Völker der Welt werden gewarnt, das Jüdische Volk nicht übermäßig zu unterdrücken.In weiterer Folge schreibt die Gmara, dass wenn wir uns an diese Schwüre halten, es gut ist und falls nicht, H' uns furchtbar bestrafen wird.In seinem Werk beschreibt Raw Teitelbaum, dass obwohl diese Stelle im Talmud nicht halachisch verbindlich ist (es ist also keine festgelegte Mizwa bzw. 'Awera) und "nur" metaphorisch zu verstehen ist, so soll sie doch als Richtlinie für unser Tun angesehen werden. Das bestehende Exil, unsere aktuelle Galut, dürfe also nicht aktiv durch (weltliche) Taten früher als von H' geplant beendet werden. Daher ist die Gründung eines Jüdischen Staates (noch dazu auf dem Grenzgebiet des Landes Israel Israel) und die massenhafte 'Alija verboten und der Ketzerei gleich. Reaktionen Die Textstelle im Talmud bezüglich den Drei Schwüren ist ziemlich eindeutig (auch wenn sie noch ein Stückchen weitergeht). Sie wird nicht nur im Werk "WaJoel Mosche" besprochen, sondern auch von anderen Kommentatoren und Rabbinern. Selbstverständlich gab es auch rabbinische Reaktionen auf die im Werk Raw Teitelbaums genannten Thesen - dafür und dagegen. Der religiös-zionistische Rabbiner Raw Schlomo Aviner hat gar ein ganzes Buch als "Antwort" auf "WaJoel Mosche" verfasst. Auch der Onkel eines ehemaligen jüdischen Direktors unserer Schule, Raw Waldenberg, hatte sich diesbezüglich geäußert. Three Oaths Lies dir nun bitte zionistische und anti-zionistische Meinungen zur erwähnten Talmudstelle über den Link hier (Klick auf beide Wikipedia-Logos) durch. Three Oaths Nenne bitte drei Meinungen, die dir logisch erscheinen und die du vertreten würdest und schreibe bitte, warum. Nach dieser kurzen Abhandlung und dem Versuch einer Einführung zum Thema des religiösen Antizionismus: Wie denkst du über diese Ideologie (oder besser gesagt: Anti-Ideologie)? Welche Argumente würdest du in einer sachlichen Diskussion mit einem Anhänger der Chassidut Satmar oder einem religiösen Zionisten (jedenfalls jemandem, der deine eigene Meinung nicht vertritt) aufbringen, um ihm deine Standpunkte klar zu machen oder ihn gar von diesen zu überzeugen?